ich habe dazu eine lesefrucht beizusteuern
Berlusconi als Balsam
Das Nationallaster der "Furbizia": Warum sich die Italiener so geringachten / Von Heinz-Joachim Fischer
ROM, im September
Die meisten Italiener sind überzeugt, daß sie eine zu geringe Meinung von sich und ihren Fähigkeiten haben. Die Selbstgeringschätzung ist so verbreitet, taucht so häufig als stillschweigendes Vorurteil in Zeitungskommentaren oder Privatgesprächen auf, daß etwa die römische Jesuiten-Zeitschrift "Civiltà Cattolica" jüngst nicht diese "Selbstgeißelung" in Frage stellte, sondern nur den Grund dafür suchte: "Warum verachten sich die Italiener?" Daß dies nicht gut sei, wird mit dem Kronzeugen aller italienischer Lebensweisheit dargelegt, dem gelehrten Dichterphilosophen Giacomo Leopardi (1798 bis 1837): "Mit Sicherheit ist das Hauptfundament der Moral eines Individuums und eines Volkes die dauerhafte und tiefe Achtung, die es für und von sich selbst hegt." Das gilt nicht nur für Italien.
Daß es damit schlecht bestellt sei zwischen den Alpen und Sizilien, läßt man einen anderen italienischen Sittenwächter, den Publizisten Giuseppe Prezzolini (1882 bis 1982), mit dem Nationallaster der "Furbizia" erklären, mit dem Lebenssystem der Schlauheit. Wenn ein Italiener unkorrektem Verhalten begegne, erhebe er - im Unterschied zu anderen Nationen - nicht etwa ein großes Geschrei und suche es mit gutem Bürgersinn abzustellen. Nein, er nehme sich vielmehr vor, bei nächster Gelegenheit ebenso gerissen vorzugehen, mit List und Betrug, Tücke und Verrat zu triumphieren. Ein Italiener wolle alles andere als Vorschriften beachten, Pläne ausführen und der Obrigkeit ohne Zwang gehorchen.
Als dritter Nationalkritiker wird Giovanni Papini (1881 bis 1956) bemüht, der nach der Erfahrung von Faschismus und Zweitem Weltkrieg über seine Landsleute herzieht, ihnen Rechtssinn abspricht und sie in Anarchie und Schlamperei versinken sieht. Nur der Italiener allein für sich sei ein Genie und habe in der Geschichte unbestreitbar bewundernswerte Leistungen hervorgebracht - ob in der Renaissance ein Leonardo da Vinci oder jetzt der Marathon-Olympiasieger Baldini. Zusammengenommen ergebe sich aber nur ein zerstrittener Haufen, undiszipliniert, ohne den Willen zur Zusammenarbeit, und deshalb viel weniger und viel schlechter als die Summe aller 57 Millionen Italiener. Denn, so die überspitzte Folgerung, der Italiener ziehe es vor, in einem korrupten Staat zu leben, der ihm Reichtum garantiere, als in einem normalen Rechtsstaat, wo Gerechtigkeit und Gesetz gälten. Er würde vielleicht auch einen gewissenhaften Rechtsstaat akzeptieren, wenn er ihn nicht selbst - auch vor roten Verkehrsampeln in Rom - schaffen müßte und ihm dieser Reichtum und Wohlstand zusichere. Aber vor die Wahl gestellt, ziehe der Italiener den persönlichen Vorteil für sich und die Seinen der rechtsstaatlich gesicherten Armut vor.
Diese Einsicht würde auch die Nachsicht erklären, mit der eine Mehrheit der Italiener - im Unterschied zu anderen Völkern - die Angelegenheiten ihres Ministerpräsidenten verfolgt. Berlusconi ist der Reichste und Mächtigste im Land; er verfügt über drei landesweite private Fernsehkanäle und könnte dadurch die Meinungsfreiheit gefährden; er hat zudem Schwierigkeiten mit der Justiz und läßt von seiner parlamentarischen Mehrheit auch Gesetze zu eigenem Schutz und Nutzen verabschieden; er genießt das Leben in seiner Villa auf Sardinien und läßt sich zur Verschönerung Haare einsetzen. Dennoch läßt ihn - bisher - eine Mehrheit der Italiener und der Parlamentarier gewähren. Offenbar haben sie den Eindruck, daß Berlusconi ihr Privatleben mit all den Möglichkeiten der "Furbizia" wenig stört, daß er mit seinem kaum überbietbaren Selbstbewußtsein, mit seinem stets gutgelaunten Optimismus ihnen einen italienischen Traum vorlebt. Diese Verträglichkeit kann bei den nächsten Parlamentswahlen enden, wie es in einer ordentlichen Demokratie möglich ist. Aber bis dahin scheint die Erklärung nicht unplausibel, daß Berlusconi die Selbstachtung der Italiener fördert und zum Beispiel für sie wacker um eine angemessene Vertretung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kämpft.
Da wird es fast gleichgültig, ob die Analysen für die "Selbstverleugnung des Italienischen" überzeugen, ob man die Gründe in jahrhundertelanger Fremdherrschaft sieht, in dürftigen militärischen Leistungen, in der mangelnden Opposition gegen den Faschismus unter dem Duce Mussolini oder einem geheuchelten Antifaschismus danach - weil angesichts der kulturellen Hegemonie der Linken dieser den meisten Beifall in der öffentlichen Meinung versprach. Dazu scheint die "Civiltà Cattolica" zu tendieren. Egal, welche Gründe zu dieser "Eigenverachtung", diesem "kollektiven Unbehagen" wegen der privaten Charakteristika von "Individualismus, Konformismus und Servilität" gegenüber Mächtigen geführt haben. In jedem Fall erwarten nur wenige eine Besserung von der Politik, weder von einem autoritären Rechten noch von der ideologischen Erziehung durch die Linke. Oder Staat und Politiker spielen überhaupt eine untergeordnete Rolle. Dann käme die Rettung, wie Prezzolini bemerkt, nicht von "denen da oben", sondern von den kleinen Leuten "in der zweiten Reihe". Und vielleicht ist sie schon im Gang. Ein preußischer Staat muß es in Italien nicht sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2004, Nr. 226 / Seite 12